„Wonder Walls“ im Museum Gouda
26. September 2026 – 28. März 2027
In diesem Herbst erzählt das Museum Gouda eine besondere und bislang unbekannte Geschichte über die größten, wertvollsten und prestigeträchtigsten Kunstobjekte des 16. und 17. Jahrhunderts: Wandteppiche. Jüngste Forschungen zeigen, dass Gouda fast zwei Jahrhunderte lang das Zentrum der Wandteppichkunst in den Nördlichen Niederlanden war. Diese Wandteppiche schmücken weltweit noch immer die Wände von Schlössern und Palästen. So sahen wir im Jahr 2025 König Willem-Alexander und Königin Máxima während ihres Staatsbesuchs in Schweden vor einer Reihe lebensgroßer Wandteppiche stehen, die in Gouda hergestellt wurden. „Wonder Walls“ ist die erste große Ausstellung in den Niederlanden über diese facettenreiche Kunstform. Mit monumentalen Leihgaben aus dem In- und Ausland erzählt das Museum Gouda Geschichten über Migration, Austausch, Handelsgeist und weibliches Unternehmertum sowie über Status und Luxus und deren Kehrseite.
Die unbekannte Geschichte hinter den luxuriösesten Kunstformen Europas
Was Migration einer Stadt bringen kann. Ende des 16. Jahrhunderts nimmt Gouda Flüchtlinge aus Flandern auf und erhält dafür Spitzenkunst, die sich über ganz Europa verbreiten wird. Wandteppiche gelten zu dieser Zeit als die prestigeträchtigste Kunstform überhaupt. Aufgrund ihres monumentalen Formats, der kostbaren Materialien und der arbeitsintensiven Herstellung gelten sie als Statussymbole allererster Güte. Fürsten und Adlige nutzen sie nicht nur zur Verschönerung und Isolierung von Palästen und Schlössern, sondern auch als diplomatische Geschenke und eindrucksvolle Kulisse bei offiziellen Empfängen.
Wandteppiche sind das ultimative Luxusprodukt – so sind die Raffael-Teppiche für die Sixtinische Kapelle fünfmal teurer als Michelangelos Deckenfresko. Und der englische König Heinrich VIII. lässt Teppichserien anfertigen, die so viel kosten wie ein voll ausgerüstetes Schlachtschiff. „Wonder Walls“ zeigt auch, warum Wandteppiche so besonders sind: Sie verbinden künstlerischen Reichtum mit Mobilität. Im Gegensatz zu Wandmalereien lassen sie sich aufrollen und transportieren, wodurch sich Räume in kurzer Zeit in reich verzierte Säle verwandeln. Aus diesem Grund werden Wandteppiche auch als die „mobilen Fresken des Nordens“ bezeichnet.
Unternehmerinnen
Anlass für die Ausstellung „Wonder Walls“ ist die Forschungsarbeit von Dr. Rudy Jos Beerens vom RKD – Niederländisches Institut für Kunstgeschichte. Er hat aufgezeigt, wie es flämischen Wandteppichwebern ab dem Ende des 16. Jahrhunderts als Flüchtlinge dank sozialer Netzwerke und kommerzieller Strategien gelang, die Tapisserie-Kunst in Gouda zum Blühen zu bringen. Im Rahmen seiner Forschung untersuchte Beerens auch die Rolle der Frauen in der Tapisserie-Industrie und kam zu überraschenden Schlussfolgerungen. „Wonder Walls“ enthüllt so Geschichten über Migration, Austausch und kreatives Unternehmertum sowohl von Männern als auch von Frauen.
Nationale und internationale Leihgaben
Wichtige Leihgaben für diese Ausstellung stammen unter anderem aus Schweden und Frankreich, aber auch aus niederländischen Sammlungen. Aus dem beeindruckenden Schloss Skokloster bei Stockholm kehren Teppiche zum ersten Mal seit Jahrhunderten in unser Land zurück. Aus dem Rijksmuseum in Amsterdam stammt der Wandteppich „Orestes’ Rache an Aegisthus“ (ca. 1650). Es entstand in der damals hoch angesehenen Werkstatt von Pieter de Cracht, dem Schwiegersohn des aus Oudenaarde stammenden Webers Jacques Nauwincx, der sich 1591 in Gouda niederließ. Der Wandteppich ist Teil einer beliebten, seltenen Serie von fünf Werken rund um die klassischen Geschichten von Orestes und Iphigenie.
Bereits Ende des 16. Jahrhunderts erwarb die Stadtverwaltung von Gouda die ersten Stücke für das Rathaus. In der Ausstellung ist auch ein monumentaler Wandteppich zu sehen, der seitdem im Rathaus von Gouda hängt. Bis heute bildet das über zehn Meter lange Bild die feste Kulisse für viele Hochzeiten in Gouda. In diesem Jahr wird das Rathaus umfassend renoviert, und auch dieser beliebte Wandteppich wird restauriert. Als große Ausnahme wird es ins Museum Gouda gebracht, um danach für die kommenden Jahrhunderte wieder an seinen gewohnten Platz zurückzukehren.
Entdeckungsreise „
“ Die Besucher betreten in dieser Ausstellung buchstäblich eine andere Welt. In einer überwältigenden grünen Landschaft aus Laubbäumen, Blumen und Vögeln entfaltet sich eine Umgebung voller Details, Durchblicke und Überraschungen. Was zunächst wie ein Wald wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als reich verzierter Raum. Diese Erfahrung bildet den Ausgangspunkt für eine Entdeckungsreise zu den bedeutendsten Künstlern, ihren Techniken und Geschichten sowie zur internationalen Bedeutung der Wandteppichkunst. Meterhohe Wandteppiche aus Sammlungen im In- und Ausland verwandeln die Museumswände in „Wunderwände“. Hinter den Teppichen verbirgt sich eine Welt, deren Existenz bisher kaum bekannt war. Die Ausstellung beantwortet Fragen wie: Wer hat diese Wandteppiche hergestellt, wie wurden sie gefertigt und warum spielte gerade Gouda dabei eine so wichtige Rolle?
Gouda als internationales Zentrum der Wandteppichkunst
Ab den 1580er Jahren entwickelte sich Gouda rasch zum Zentrum der Wandteppichproduktion in den Nördlichen Niederlanden. Protestantische flämische Handwerker ziehen aufgrund politischer und religiöser Unruhen nach Norden, und Gouda wirbt sie aktiv mit kostenlosem Bürgerrecht, Steuervergünstigungen und Wohnraum an. Die seit der Reformation leerstehenden Klöster erweisen sich als Volltreffer: Sie bieten genau den Platz, der für bis zu vier Meter breite Webstühle benötigt wird. So entsteht eine blühende Industrie, in der im 17. Jahrhundert schätzungsweise rund 450 Teppichweber tätig sind, verteilt auf etwa vierzig Werkstätten in der Stadt. In der Ausstellung zeigt eine Reproduktion einer Karte aus dem 16. Jahrhundert, wo sich diese Klöster – und damit die Webereien – befanden. Die flämischen Einwanderer gaben Gouda zwei Jahrhunderte lang einen wirtschaftlichen und künstlerischen Aufschwung.
Auf dem Plüsch
Nicht nur die Wände, auch Möbel wurden zu jener Zeit mit Webkunst verziert. So besaß jeder, der Mitglied einer Zunft war oder dem Stadtrat oder dem Bürgermeisteramt angehörte, ein eigenes Kissen. Diese Herren saßen also buchstäblich auf dem Plüsch. Der Reichtum der elitären Kunden der Teppichindustrie hat jedoch oft auch eine Kehrseite, auch darauf wird in der Ausstellung eingegangen. Das Museum stellt zudem eine Verbindung zur Gegenwart her. In einem besonderen Kunstprojekt arbeitet die Designerin Mina Abouzahra mit heutigen „Zünften“ zusammen, um ein eigenes Kissen zu entwerfen, mit eigenen Symbolen, die auf der Bildsprache der Amazigh basieren – dem kulturellen Hintergrund eines von zehn heutigen Einwohnern von Gouda. Die Kissen werden in Marokko mit Techniken gewebt, die sich kaum von denen vor Jahrhunderten unterscheiden, und finden ebenfalls einen Platz in der Ausstellung.
Audiotour „
“ Zur Ausstellung erscheint eine Audiotour, in der Kurator Ingmar Reesing auf Details eingeht, die man leicht übersehen könnte.
Publikation „
“ Das Museum Gouda gibt in Eigenregie eine kleine, illustrierte Publikation zu dieser Ausstellung heraus.
Begleitprogramm „
“ Im Rahmen von „Wonder Walls“ organisiert das Museum Gouda ein umfangreiches Begleitprogramm, das von einem Offline-„Yap & Yarn“-Abend bis hin zu Workshops reicht, in denen Besucher kreativ mit Textilien arbeiten können. Aktuelle Informationen zum Programm finden Sie auf der Website des Museums.
Detail der Landschaftsvegetation, Werkstatt von Jannetje Wouters, 1692–1694, Stadt Gouda, Gouda
Webstuhl, uns bekannter Hersteller, 20. Jahrhundert, Königliche Manufaktur De Wit, Mechelen